Die ersten Wochen in Springfield
Für mich ging es weiter nach Missouri. Mein allererstes Wochenende dort habe ich aber noch gar nicht bei meiner Gastfamilie, sondern in Branson bei meiner Area Rep verbracht. Mit ihr bin ich dort in eine Kirche gegangen – eine andere als die, in die ich später regelmäßig mit meiner Gastfamilie gehen sollte –, und schon dieser erste Gottesdienst hat mich komplett überwältigt: Es gab dort ein eigenes Kinderland, ungefähr so, wie man es in Deutschland aus dem IKEA kennt, dazu eine riesige Live-Band und riesige Bildschirme – der ganze Service wirkte eher wie eine durchgestylte Präsentation als wie ein klassischer Gottesdienst, wie ich ihn aus Deutschland kannte. So etwas hätte ich mir vorher nie vorstellen können, und mir sind vor lauter Eindrücken direkt die Tränen gekommen. Meiner Area Rep bin ich bis heute unglaublich dankbar – für ihre Gastfreundschaft an diesem ersten Wochenende und dafür, dass sie mich das ganze Jahr über einmal im Monat persönlich besucht hat. Jahre später haben wir uns sogar wiedergetroffen, als sie München besucht hat.
Danach ging es weiter nach Springfield, wo ich meine Gastfamilie kennengelernt habe. Kaum war ich dort angekommen, war die Schwere des Abschieds auch schon fast verflogen – ich habe mich von der ersten Minute an so wohl gefühlt, dass ich mir gar keine Sorgen mehr gemacht habe. Meine Gastfamilie hat mich sofort wie ein eigenes Familienmitglied behandelt und nicht wie einen Gast: Ich hatte zwei Gastbrüder, mit denen ich mich auf Anhieb blendend verstanden habe, und bis heute stehe ich mit der ganzen Familie in Kontakt. So authentische, herzliche Menschen wie diese Familie hatte ich zuvor noch nie getroffen. Auch kulinarisch wurde ich verwöhnt – meine Gastmutter hat einfach fantastisch gekocht, und ihre Küche wurde für mich schnell ein Stück Zuhause.
Auch das Schulsystem selbst war ein völlig anderes als in Deutschland – von den täglich wechselnden Kursen über das Notensystem bis hin zur Art, wie im Unterricht diskutiert und argumentiert wurde. Besonders in Erinnerung geblieben sind mir mein Geschichtslehrer und meine Englischlehrerin, mit denen ich mich menschlich wie fachlich außerordentlich gut verstanden habe und die mir auf ganz unterschiedliche Weise gezeigt haben, wie man Wissen vermittelt und Neugier weckt.
Winter Season
Im Winter habe ich für mich eine ganz neue Leidenschaft entdeckt: Powerlifting. Was als Ausgleich zum Fußball begann, wurde schnell zu einem festen Bestandteil meines Alltags – ich habe gemerkt, wie viel mentale Disziplin im Krafttraining steckt, nicht nur körperliche Kraft.
In dieser Zeit wurde ich von meiner Schule auch zum „Loyalty King“ gewählt – eine Auszeichnung, die amerikanische Highschools an Schülerinnen und Schüler vergeben, die sich durch besonderen Einsatz und Verbundenheit für ihre Schulgemeinschaft auszeichnen. Auch akademisch habe ich mich eingebracht: Für meine akademischen Leistungen stand ich immer auf der Honor Roll, und mit meinem Team habe ich bei einem Wettbewerb der Future Business Leaders of America (FBLA) einen Platz unter den Top 5 erreicht.
Die Springhill Baptist Church war die Gemeinde, in die ich mit meiner Gastfamilie regelmäßig gegangen bin – ein Ort, an dem ich mich vom ersten Moment an unglaublich wohlgefühlt habe, weil dort alle so offen und lebensfroh waren. Ich bin sehr dankbar, Teil dieser Gemeinde gewesen zu sein, und habe mich dort später auch selbst ehrenamtlich engagiert.
In ganz besonderer Erinnerung ist mir außerdem ein Mountainbike-Ausflug geblieben, den wir als Gastfamilie gemacht haben. Genauso gerne denke ich an die Autofahrten mit meinen Gastbrüdern zur Kirche zurück – einer von ihnen hat dabei immer richtig gute Musik aufgelegt, und es war schön zu merken, wie sehr ich den beiden mittlerweile vertrauen konnte.
An Thanksgiving bin ich mit meinem Gastvater beim traditionellen Turkey Trot mitgelaufen, einem 5-Kilometer-Lauf mitten durch die Stadt. Wir haben uns dabei ein regelrechtes Wettrennen geliefert: Ich habe ihn früh überholt und danach nicht mehr gesehen, war mir also ziemlich sicher, gewonnen zu haben – bis ich ins Ziel kam und er dort schon auf mich wartete. Ich konnte es einfach nicht glauben.
Auch mit meinem Gastonkel Tim habe ich viel unternommen – wir waren zusammen jagen, haben ein paar Mal richtig gut zusammen gegessen, und ich bin ihm bis heute unfassbar dankbar für diese Zeit.
Ich fand es immer besonders schön, an Weihnachten und den anderen Feiertagen die ganze Familie zu besuchen – Großeltern, Geschwister, die komplette Gastfamilie. Und natürlich gehörte auch der Familienhund dazu, der uns bei jedem Besuch überschwänglich begrüßt hat.
Das schönste Weihnachten meines Lebens habe ich definitiv in dieser Zeit erlebt. Kurz davor sind wir als Familie nach Silver Dollar City gefahren, und am Weihnachtsmorgen gab es die selbstgemachten Cinnamon Rolls meiner Gastmutter – ein Geschmack, den ich bis heute vermisse, wenn ich in Deutschland an Weihnachten denke.
Spring Season
Im Frühling habe ich mich dem Golfteam meiner Highschool angeschlossen – ein ruhigerer Ausgleich nach einem ereignisreichen Winter. Auch den Prom, den amerikanischen Abschlussball, habe ich mit meinen Freunden dort gefeiert. Und dann kam der Abschied, der mir wirklich schwergefallen ist: von meiner Gastfamilie, meinen Freunden und einem Ort, der in einem Jahr zu einem zweiten Zuhause geworden war.
Back Home
Meinen Reverse Culture Shock habe ich nicht erst nach Wochen gespürt, sondern quasi sofort – keine zehn Minuten nach der Landung, im Edeka am Flughafen. Die Gänge kamen mir plötzlich unglaublich eng vor, und statt des lockeren Plauschs, den ich an der Kasse in Amerika gewohnt war, wurde ich nur schief angeschaut, weil ich für meine vier Sachen fünf Sekunden zu lange gebraucht habe. Kurz darauf, in der S-Bahn, konnte ich es einfach nicht fassen, wie unterschiedlich sich dieselbe Alltagssituation plötzlich anfühlte.
Auch darüber hinaus hat mich tatsächlich so etwas wie ein umgekehrter Kulturschock erwischt: Vieles, was vorher selbstverständlich war, fühlte sich plötzlich anders an. Ich habe schnell gemerkt, dass ein solches Jahr nicht nur das Land verändert, das man besucht, sondern vor allem den Blick, mit dem man anschließend auf die eigene, vertraute Welt schaut. Aus dieser Zeit bin ich mit mehr Gelassenheit, mehr Selbstvertrauen und der Gewissheit zurückgekommen, dass sich die eigene Persönlichkeit gerade dort zeigt, wo einem nichts mehr vertraut ist. Eine Sache habe ich mir dabei ganz bewusst mitgenommen: dieses positive „you can do it“-Denken, das mich in Amerika von Anfang an begleitet hat und bis heute ein fester Teil von mir geblieben ist.
Ein für mich besonders prägender Moment war, als ich nach etwa drei Monaten zum ersten Mal auf Englisch geträumt habe. Ein kleiner, fast unscheinbarer Augenblick – aber einer, der mir gezeigt hat, wie tief diese Sprache und dieses Leben inzwischen in mir angekommen waren: nicht mehr nur als etwas Gelerntes, sondern als ein Teil von mir selbst. Bis heute bin ich unendlich dankbar für all die Freunde, die mich aufgenommen, unterstützt und von Anfang an ganz selbstverständlich eingebunden haben, und für die ganze Familie – nicht nur meine Gastfamilie im engeren Sinne, sondern auch die Geschwister und Großeltern, die alle gemeinsam dafür gesorgt haben, dass dieses Jahr zum bisher schönsten meines Lebens wurde. Ich vermisse diese Zeit sehr. Und ich weiß, dass ich seitdem, egal was passiert, ein zweites Zuhause auf dieser Welt habe.
Rückblickend war dieses Jahr für mich weniger eine Unterbrechung meines gewohnten Lebens als eine Erweiterung meines Selbstverständnisses: Ich habe gelernt, dass Identität kein feststehender Zustand ist, sondern etwas, das sich im Kontakt mit dem Fremden immer wieder neu verhandelt. Jede Geste der Gastfreundschaft, jede fremde Selbstverständlichkeit, jeder Moment des Nicht-Verstehens hat mir am Ende mehr über mich selbst verraten als über das Land, in dem ich zu Gast sein durfte. Was bleibt, ist die Gewissheit, dass Zugehörigkeit weniger eine Frage des Ortes ist als eine Frage der Offenheit, mit der man ihm begegnet.
Im Kern war dieses Jahr für mich ein gelebter interkultureller Austausch im besten Sinne: die Erfahrung, wie unterschiedliche Wertesysteme, Kommunikationsstile und Alltagsrituale aufeinandertreffen und einen dazu bringen, die eigene kulturelle Prägung erst richtig zu erkennen. Genau darin liegt für mich der eigentliche Wert eines solchen Auslandsjahres: nicht im bloßen Kennenlernen eines anderen Landes, sondern im geschärften Bewusstsein für die eigene Perspektive, die man bis dahin für selbstverständlich gehalten hat.
Bilder aus diesem Jahr
Und weil Bilder mehr sagen können als tausend Worte, kommen hier meine liebsten Aufnahmen aus diesem Jahr: